• Sabrina Basner

Gründerinterview mit Patrick von bochumbolzt / deineStadtbolzt

Willkommen im EZW, wir freuen uns ein neues Gesicht zu sehen. Das bolzt-Konzept, bekannt von bochumbolzt, gibt es ja schon länger, erzähl uns doch einmal wie alles angefangen hat und was ihr genau macht?


Mit der Motivation meine und unsere Stadt von den Unmengen an Müll zu befreien habe ich im Sommer 2018 ein Pilotprojekt gestartet und ein Fußballturnier im Bochumer Südpark organisiert; 50 Bolzplatzheld:innen – drei große Säcke voll Müll und ein alter Rollersitz innerhalb weniger Augenblicke!


Darauf aufbauend habe ich von der Stadtverwaltung Bochum im Jahr 2019 die Möglichkeit

bekommen sechs Fußballturniere zu planen. Die Resonanz der Schulen war überwältigend, sodass ich insgesamt fünf Turniere und sieben schulische Müllsammelaktionen (Cleanups) durchgeführt habe.


Darüber hinaus hat mein Engagement Anklang in der Bevölkerung gefunden, woraus fünf weitere außerschulische Aufräumaktionen entstanden sind. Insgesamt konnte ich so über 800 Schüler:innen von Bochumer Grundschulen und 100 Menschen bei öffentlichen Cleanups erreichen und gemeinsam konnten wir 1,7 Tonnen Müll sammeln.


Nach diesem besonderen Jahr haben wir uns als Team zusammengefunden und haben im Jahr 2020 so 36 Sportfeste (ein, an die Coronamaßnahmen angepasstes, Angebot) mit 900 Schüler:innen ausgetragen. Auch die zentralen öffentlichen Cleanups am Weltumwelttag, beim Ruhr Cleanup und am World Cleanup Day fanden statt - insgesamt konnten wir so über drei Tonnen Müll und 30.000 Zigarettenstummel sammeln.

Aktuell befinden wir uns mit bochumbolzt und wittenbolzt in der Sommersaison 2021. Auch in diesem Jahr organisieren wir Sportfeste für Schulen und generationenübergreifende Cleanups mit unseren Partner:innen.


Allgemein legen wir unseren Fokus auf die enorme integrative und kommunikative Kraft des Fußballs und die Wirksamkeit von aktivem und regionalem Umweltschutz. Diese Kombination sieht in der Praxis so aus, dass wir Fußballturniere und Sportfeste für Schüler:innen auf einem nahegelegenen Bolzplatz oder direkt auf dem Schulhof organisieren. In den Spielpausen motivieren wir die Bolzplatzheld:innen die Spielfläche und die unmittelbare Umgebung von dem achtlos weggeworfenen Müll zu befreien. Darüber hinaus veranstalten wir generationenübergreifende Müllsammelaktionen im öffentlichen Raum, um vielen Bürger:innen die Chance eines niedrigschwelligen Zugangs zum aktiven Umweltschutz zu geben. Hiermit machen wir spielerisch auf den unmittelbaren Handlungsbedarf in unserer Stadt aufmerksam und regen die Schulen und die Zivilgesellschaft an, Teil der Bewegung zu werden.


Dabei ist die Initiative darauf ausgerichtet, die Gestaltungskompetenz der Schüler:innen, sowie der ehrenamtlich tätigen Mitwirkenden zu stärken. Die Gestaltungskompetenz ist die Fähigkeit, Wissen über nachhaltige Entwicklung anzuwenden und Probleme nicht nachhaltiger Entwicklung zu erkennen. Das Konzept und ihre dazugehörigen Kompetenzen wurden von Gerhard de Haan im Rahmen des Schulmodellprogramms der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) entwickelt. Konkret wollen wir die Zielgruppe dazu befähigen, sich und andere motivieren zu können, für eine nachhaltige Zukunft aktiv zu werden.


Wir haben unser Projekt an den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen ausgerichtet, von denen einige für uns besonders relevant sind. Mit unserem Fokus auf Müllvermeidung ist die Sicherstellung nachhaltiger Konsum- und Produktionsweisen (Ziel 12) ein zentrales Ziel. Dies sehen wir als Fundament nachhaltiger Städte und Gemeinden (Ziel 11) und auch für die Gesundheit und das Wohlergehen der Menschen auf diesem Planeten (Ziel 3). Dafür braucht es nachhaltige Bildung (Ziel 4) und Partnerschaften (17), wozu wir mit diesem Projekt beitragen wollen.



Wie groß ist euer Team und kann man sich bei euch noch einbringen?


Wir sind ein buntes Team aus Studierenden und Bürger:innen, die ehrenamtlich für das Projekt deineStadt.bolzt (bekannt von bochumbolzt und wittenbolzt) aktiv sind. Wir sind Menschen, die sich couragiert für Natur- und Umweltbildung und Klimagerechtigkeit, insbesondere für eine unmittelbar Müll-freie Umwelt und einem zukünftigen Müll-freien Lebensstil nach den Prinzipien und Strategien der Abfallvermeidung einsetzen. Ganzheitlich gedacht, engagieren wir uns von einer (früh-)kindlichen Begleitung bis hin zu einer generationenübergreifenden Bewusstseinsbildung im Bereich der lokalen und globalen Müllkrise.


Aktuell engagieren sich 35 Menschen ehrenamtlich für das Team, die Schulaktionen und Cleanup-Events organisieren und durchführen. Darüber hinaus koordinieren John und ich die Gründungsphase einer Organisation, die das deineStadt.bolzt-Projekt und weitere Initiativen und Projekte im Bereich der Abfallvermeidung im Ruhrgebiet etablieren möchte. Diese Organisation ist der Trägerverein und wird vom EZW Witten und vom Grunderstipendium NRW gefördert und heißt weniger e.V..


Wenn dir die Vision und der Prozess hin zu einer Müll-freien Stadt gefällt, du mehr über unsere Ansätze erfahren oder aktive Bolzerin oder aktiver Bolzer werden möchtest, sprich uns einfach an. Wir freuen uns auf dich und deine Perspektiven.


Das hört sich alles sehr spannend an! Wie finanziert ihr die Aktionen?


Unsere Schulaktionen und generationenübergreifende Cleanups sind alle ehrenamtlich organisiert. Diese werden von unseren Partner:innen mit Sachspenden, wie Handschuhe, gefördert, sodass wir persönlich keinen direkten monetären Aufwand haben.


Ganz aktuell starten wir gemeinsam mit der BOGESTRA eine Crowdfunding-Kampagne, um unseren finanziellen Spielraum zu erweitern und vor allem Menschen davon zu begeistern ebenfalls aktive Bolzerin oder aktiver Bolzer zu werden.


Sich selbstständig zu machen, ist ein großer Schritt, was hat dich dazu bewegt?


Wir leben in einer Müllkrise! An dieser Stelle teile ich den Tag mit dir und euch, an dem ich meinen Mut zusammengenommen und mich an der Universität Witten/Herdecke beworben habe:

Tofino (BC), Kanada - Es war der 10. Februar 2018, für viele Menschen ein gewöhnlicher Tag, für mein weiteres Dasein ein ganz Besonderer. Gegen Mittag machte ich mich gemeinsam mit den Mitarbeitenden des Hostels auf den Weg zu einem der zahlreichen abgelegenen Strände – Combers Beach. Die Menschen von der Surfrider Foundation Pacific Rim haben zu einem Beach-Cleanup aufgerufen. Auf dem Weg dorthin dachte ich, dass wir ein wenig Müll sammeln, da es mitten in der Wintersaison war und nur wenig Tourist:innen die Strände besuchten und wir wieder schnell ins Wasser für die nächste Surfsession springen würden.


Eine Stunde und einen Quadratmeter später war ich schlauer und hatte ein Gefühl, welches mich lange begleitet hat, tiefe Schuld. Wir fanden Strohhalme von einer großen Fast-Food Kette, Unmengen an Styropor, Abfall aus weiter Ferne und unfassbar viel Mikroplastik. Müll, der nicht durch den Wind und das Wetter vom Land an den Strand getragen, sondern durch die teils heftigen Stürme und Wellen vom Meer angespült wurde! Die Schuld, dass auch ich in Deutschland mit meinem Konsum- und Wegwerfverhalten die Menschen beeinträchtige, die die abgelegenen Strände vor ihrer Haustür haben. Dieser Cleanup hat mein Leben grundlegend verändert, mir den Mut gegeben, tiefer in die anfängliche Projektidee bochumbolzt einzutauchen und sie in diesem Moment weiterzuentwickeln. Die globale Müllkrise wurde die treibende Kraft meiner Idee.


In den darauffolgenden Tagen – genau genommen redete ich nicht nur in diesen Tagen über wenig anderes – sprach ich alle meine Gedanken und Ideen für bochumbolzt aus, bekam Bedenken und Wünsche mit und schrieb mein Motivationsschreiben für die Universität. Ich packte meine sieben Sachen und kam nach Witten.


Wieviel Zeit investierst du in dein Start-up und was machst du zum Ausgleich?


Ich bin sehr froh, dass mich meine Lebenserfahrungen dazu bewegt haben, heute genau das zu machen, was ich mache. Dass ich mit meinen Fähigkeiten und Talenten ein kleines Mosaik zu unserem gesellschaftlichen Leben beitragen kann, bereitet mir jede Menge Spaß. So gibt es Tage, wo ich die Ruhe genieße, am Fels klettern gehe, Lagerfeuer mache und der Musik lausche, Liebe spüre oder einfach nur dem Sonnenuntergang zusehe und wiederum an anderen Tagen das zum Teil wuselige und aufreibende Gründerleben erleben darf, unser wirtschaftliches und gesellschaftliches System kennenlerne und mir Fragen stelle, interessante Begegnungen erfahre oder eine Vereinsgründung feiere. Aus diesen Augenblicken und Momenten nehme ich die Kraft und die Ruhe, um die Vision und den Weg hin zu einer Müll-freie Stadt zu gehen.


In welcher Phase befindet sich der weniger e.V. derzeit?

Wir haben frisch gegründet :-)



Was steht bei euch als nächstes an?

Ruhrpott wir kommen!



Danke für deine doch sehr knappe Zeit und viel Erfolg!